Bleib erschütterbar – und widersteh!

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
bleib erschütterbar – doch widersteh!

... das ganze Gedicht hier lesen

BLEIB ERSCHÜTTERBAR – UND WIDERSTEH (PETER RÜHMKORF)

ZUM 8. MONAT DES GEDENKENS IN HAMBURG-EIMSBÜTTEL

VOM 20.4. BIS 31.5.2021

Auf unseren Drucksachen sind acht Kinder zu sehen, Kinder, die hier in Eimsbüttel gelebt haben, bis sie in Deportationszügen von Hamburg aus in den Tod geschickt wurden – weil sie jüdisch waren. Zwei von ihnen haben trotzdem überlebt, eines von ihnen ist Ruth Dräger, geb. Geistlich. Wir freuen uns, dass sie hier in Eimsbüttel lebt.
Sensibilität, Gefahrenbewusstsein und Widerstandskraft fordert Hamburgs Dichter Peter Rühmkorf mit diesen Zeilen aus dem Jahr 1979 von seinen Leser*innen. Erschütterbarkeit müsste er vier Jahrzehnte später immer noch einfordern, wenn im letzten Herbst in Eimsbüttel vor der Synagoge ein Student attackiert wird, der eine Kippa trägt, wenn bei antisemitischen und rassistischen Übergriffen gleichgültig weggesehen wird, wenn Ge üchtete im Mittelmeer ertrinken oder auf Moria menschenunwürdig hausen müssen. Viele Kinder sind betroffen und Helfende werden allzu oft behindert oder allein gelassen.
Wenn Esther Bejarano, die Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, am 15. Mai 2021 auf dem Platz der Bücherverbrennung steht und die Marathonlesung zur Erinnerung an die verbrannten Bücher eröffnet, wenn dann Peggy Parnass liest und vielleicht auch Abi Wallenstein mit seiner Blues-Gitarre dabei ist, dann scheint seit der Einrichtung dieses Gedenkortes in den frühen 1980er Jahren nur ein Moment vergangen zu sein. Es war die Zeit der großen Friedensdemonstrationen gegen Atombewaffnung. Die drei waren damals auch bei der Einweihung dieses Platzes dabei, drei Menschen, die uns begleitet und ermutigt haben.
In den letzten Jahren sind viele von uns gegangen, die nach der Schoah zurückgekehrt waren oder Hamburg regelmäßig besucht haben. Stef  Wittenberg, unsere "Schirmfrau“, starb schon 2015, Esther Bauer im Jahr 2016, Lucille Eichengreen und Miriam Gillis-Carlebach starben im Jahr 2020, Bella und Yitzhak Reichenbaum im Jahr 2021 in Israel. Sie fehlen uns. Und uns fehlen auch Uwe Storjohann, der in der Swing-Jugend aktiv war und Ulrich Bauche, der Historiker, der uns gelehrt hat, genau hinzusehen in die Gesellschaftsgeschichte des 20.Jahrhunderts.
Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Gedenken verändert sich – jede Generation setzt eigene Schwerpunkte. Heftig diskutiert wird um den Gedenkort Joseph-Carlebach-Platz, um die Bornplatz-Synagoge, um Wiederaufbau, um Rekonstruktion. Die einen fürchten die Vergess- lichkeit der Menschen, wenn die sichtbaren Mahnzeichen verschwinden. Andere wünschen sich wieder ein deutliches Zeichen eines lebendigen Judentums.
Unser Monat des Gedenkens 2021 in Zeiten von Corona schien zunächst gar nicht durchführbar. Alles ist anders – aber die Vielfalt kreativer und digitaler Formate im Netz ist überwältigend. Einige Veranstaltungen werden unter freiem Himmel statt nden, andere virtuell – rund 50 Aktionen, Rundgänge, Lesungen, Seminare und Konzerte sind geplant, beginnend wieder am 20. April mit dem Gedenken an die 20 jüdischen Kinder vom Bullenhuser Damm. Rund um den 8. Mai mit Veranstaltungen zur Forderung nach einem Feiertag, Diskussionen über Rassismus und Antisemitismus im Sport, auf dem Joseph-Carlebach-Platz mit der Wanderausstellung zu jü- dischen Sportler*innen, Mahnwachen für Widerstandskämpfer*innen werden angekündigt. Auf unserer Webseite werden – nach unseren Möglichkeiten – die Hinweise zu den Veranstaltungen laufend aktualisiert.
Alle sind eingeladen, sich zu beteiligen, mitzumachen! Draußen, wo immer es trotz Corona möglich ist, mit Maske, Abstand und Rücksicht auf andere.

Redaktion AG Monat des Gedenkens in Eimsbüttel